Fachforum Lingen: Welche Haltungsform passt für mich?

21 Mai 2025
Masthuhn
Fachforum Lingen

„Es wird Geld verdient in der Hähnchenmast.“ Diese Berateraussage stand für die gute Stimmung auf dem Fachforum Schwein und Geflügelmast in Lingen, Niedersachsen. Die Investitionsbereitschaft ist in Folge spürbar. Dabei bleibt die Frage, in welche Haltungsform investiert werden soll.

Auf dem diesjährigen Fachforum Schwein und Geflügelmast der Landwirtschaftskammer (LWK) Niedersachsen stand die Frage nach der „richtigen“ Haltungsform im Mittelpunkt der Geflügel-Vorträge. Hierzulande nehmen mittlerweile etwa 90 Prozent der Geflügelmastbetriebe an der Initiative Tierwohl (ITW) teil. Das entspricht der Haltungsform 2 des Lebensmittelhandels (LEH). 

Nachfrage nach höheren Haltungsformen: Anforderungen des Lebensmittelhandels bis 2030

Der LEH fordert jedoch zunehmend Fleisch aus den höheren Haltungsformen 3 und 4. Als Vertreter dieser Branche war Henrik Wiedenroth, Lidl Deutschland, auf dem Fachforum zu Gast. Sein Unternehmen plant, dass bis 2030 das gesamte Frischfleisch aus Haltungsform 3 oder 4 kommen soll. Das Gleiche gilt für 100 Prozent der Wurstwaren. 

Die Landwirtschaft treibt dabei die Frage um, wie verlässlich der LEH bei der Abnahme von Fleisch aus den höheren Haltungsformen ist. Was passiert, wenn der Verbraucher es nicht in dem Maße nachfragt? Gibt es Abnahmegarantien oder drückt das dann den Preis? Oder kaufen Lidl und Co. doch im Ausland ein, weil es günstiger ist? Diese Sorgen und dass die Landwirtschaft das alleinige Risiko einer Umstellung trägt, kamen in den Publikumsfragen in Lingen zum Ausdruck. 

Hohe Wertstabilität von Geflügelställen

Dabei ist Investitionsbereitschaft sehr wohl vorhanden, so LWK-Unternehmensberater Uwe Bintz. In den vergangenen Jahren gab es in der Hähnchenmast eine sehr gute Gesamtwirtschaftlichkeit. Einen Stallneubau für 30.000 Tiere Haltungsform 3 bezifferte er mit Investitionskosten von ca. 1,2 Mio. Euro. Interesse gibt es auch am Umbau von Ställen. Hähnchenställe sind sehr wertstabil. Ältere Ställe werden aktuell zu Preisen deutlich über den ursprünglichen Investitionskosten gehandelt. 

"„Die betrieblichen Kosten müssen vom Markt erlöst werden“. Friedrich-Otto Ripke, NGW"

In Lingen betonte Henrik Wiedenroth, dass es bei Lidl die Haltungsform 3 nur in Zusammenhang mit „5xD“ geben wird. Die 100-prozentige Umstellung auf höhere Haltungsstufen bis 2030 bezeichnete er als „Idealziel“. Für sein Unternehmen habe bei Fleisch die „Herkunft Deutschland“ höchste Priorität. Sie sei sehr wichtiges Verkaufskriterium.  

„5xD“ sehr wichtig für deutsche Produzenten

Einig war man sich auf dem Fachforum darüber, dass die Herkunftskennzeichnung ein wichtiger Punkt zur Sicherung der hiesigen Produktion ist. Sie muss aber flächendeckend kommen, nur der Frischfleischbereich im LEH reiche nicht, sagte Friedrich-Otto Ripke, Vorsitzender des Landesverbandes der Niedersächsischen Geflügelwirtschaft, NGW.  

Er mahnte, ebenso wie PHW-Vorstand Felix Wesjohann, eine Umstellung auf höhere Haltungsstufen „mit realistischen Zeitabläufen“ und entsprechend der Nachfrageentwicklung am Markt an.

Diskussionsrunde in Lingen (v.l.): Hendrik Wiedenroth (Lidl), Friedich-Otto Ripke (NGW), Thomas Korte (Hähnchenmäster), Felix Wesjohann (PHW).

Nach wie vor große Hürde Baugenehmigung

Umbauwillige Betriebe stehen zudem immer noch vor der großen Hürde Genehmigung. Hähnchenmäster Thomas Korte stellte in Lingen den (abgeschlossenen) Umbau seiner Ställe für Haltungsstufe 3 vor. Er brachte es auf den Punkt: „Nach der Baugenehmigung hatte ich das Schlimmste überstanden.“ 

Friedrich-Otto Ripke erhofft sich von der neuen Regierung in Berlin Erleichterungen hierbei. Speziell nannte er einen Bestandsschutz bei Umbauten für die bestehenden Tierzahlen. Felix Wesjohann und Berater Uwe Bintz rieten bauwilligen Betrieben, so zu bauen oder umzubauen, dass ggf. eine Rückkehr zur Haltungsform 2 möglich ist. 

Tierwohl contra Nachhaltigkeit diskutieren

Thematisiert wurde auf der Lingener Veranstaltung auch die Nachhaltigkeit der Tierwohl-Haltungsformen. Höhere Haltungsformen mit mehr Platz und langsamerem Wachstum der Tiere schneiden da naturgemäß schlechter ab. Marktexperte Dr. Albert Hortmann-Scholten von der LWK nannte konkrete Zahlen: Ein Drittel mehr Futter- und Wasserverbrauch, zwei Drittel mehr Stallfläche und ein Viertel mehr CO2-Ausstoß bei den langsam wachsenden Herkünften. Hier gibt es Diskussionsbedarf.

Hähnchenmäster Thomas Korte dazu: „Die jetzigen Haltungsformen sind nicht für alle Zeiten in Stein gemeißelt.“ Er könne sich vorstellen, dass es künftig gute Mittelwege zwischen mehr Tierwohl und mehr Nachhaltigkeit geben kann.

Entscheidungen einzelbetrieblich treffen

Das Resümee für Geflügelmäster aus den Vorträgen und Diskussionen in Lingen dürfte sein, dass die Entscheidung für oder gegen eine Haltungsstufe sehr betriebsindividuell zu fällen ist. Dazu gehört auch die Überlegung, ob man eine AFP-Förderung in Anspruch nehmen möchte. 

Ansonsten fasste Felix Wesjohann den grundsätzlich positiven Blick in die Zukunft für die hiesige Produktion so zusammen: „Wir wollen Entwicklungschancen und weiter nach vorne gehen. Ich glaube daran, dass wir in Deutschland mit den höheren Haltungsstufen, vor allem mit dem Siegel ‚5xD‘, zukunftsfähig sind. Die Frage ist nur, mit welcher Geschwindigkeit die Umstellung erfolgen kann.“

Text:
Christa Diekmann-Lenartz

Aufgewachsen auf einem landwirtschaftlichen Betrieb in der intensiven Tierhaltungsregion Weser-Ems (und Studium der Agrarwissenschaften). Seit vielen Jahren berichtet sie darüber, was sich im Bereich Geflügel tut - mit Schwerpunkt Niedersachsen.

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Bild: Christa Diekmann-Lenartz

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