Kükenschlupf im Versuchsstall des ILVO.
Wie lange können frisch geschlüpfte Masthähnchen auf Futter warten, ohne dass die Mastleistung leidet? Forscher aus Belgien haben das an 960 Broilern untersucht. Ihr Ergebnis: Nach 24 Stunden können die Tiere Rückstände offenbar noch aufholen. Nach 48 Stunden verschlechtert sich die Futterverwertung.
Wann Küken nach dem Schlupf erstmals Futter erhalten, kann ihre spätere Mastleistung beeinflussen. Das zeigt ein Versuch mit 960 Ross-308-Masthähnchen, die direkt im Stall geschlüpft waren. Mussten die Tiere 48 Stunden auf Futter warten, verschlechterte sich ihre Futterverwertung über den gesamten Mastdurchgang. Nach 24 Stunden Futterentzug konnten sie die anfänglichen Nachteile dagegen offenbar noch ausgleichen.
Zu diesem Ergebnis kommen die belgischen Forscher Karolien Langendries vom Pluimveeloket, Niamh Cleiren und Gunther Antonissen von der Universität Gent sowie Evelyne Delezie und Marta Lourenço vom flämischen Institut für Agrar-, Fischerei- und Ernährungsforschung (ILVO).
Die Untersuchung fand im Rahmen des Forschungsprojekts „Athletic Chicks“ statt. Daran beteiligen sich neben der Universität Gent und dem ILVO auch das Proefbedrijf Pluimveehouderij und die KU Leuven.
Warum Küken nach dem Schlupf oft auf Futter warten
Etwa 21 Tage nach Beginn der Brut schlüpfen die Küken. Allerdings verlassen nicht alle Tiere gleichzeitig das Ei. Zwischen dem ersten und dem letzten Schlupf liegt ein Zeitfenster, das Fachleute als Hatch Window bezeichnen.
In herkömmlichen Brütereien bleiben die Küken zunächst im Schlupfbrüter, bis der Großteil der Eier geschlüpft ist. Anschließend sammeln die Mitarbeiter die Eintagsküken ein und bereiten sie für den Transport vor.
Erst auf dem Mastbetrieb erhalten die Tiere in der Regel Zugang zu Futter und Wasser. Für früh geschlüpfte Küken kann deshalb eine längere Zeit ohne Futter und Wasser vergehen.
Eine Alternative ist der Schlupf direkt im Maststall, das sogenannte On-Farm-Hatching. Dabei bringt die Brüterei die Bruteier am 18. Bruttag in den Maststall. Dort schlüpfen die Küken etwa drei Tage später auf der Einstreu.
Die Tiere müssen dann keinen Transport als Eintagsküken überstehen. Außerdem können sie unmittelbar nach dem Schlupf fressen und trinken.
Doch wie wichtig ist dieser frühe Zugang zum Futter tatsächlich für die spätere Mastleistung?
Versuch mit 960 Broilern: Futter erst nach 24 oder 48 Stunden
Um diese Frage zu klären, untersuchten die flämischen Forscher 960 Ross-308-Masthähnchen in den Versuchsställen des ILVO.
Die Brüterei brachte die zuvor durchleuchteten Bruteier am 18. Bruttag in die Ställe. Dort legten die Mitarbeiter die Eier von Hand auf Hobelspäne.
Für den Versuch wählten die Forscher Küken aus, die etwa in der Mitte des Schlupffensters geschlüpft waren. So wollten sie die Unterschiede im biologischen Alter möglichst gering halten.
Anschließend teilten sie die Tiere nach ihrem Schlupfzeitpunkt in drei Gruppen ein:
- Gruppe T0: Die Küken erhielten unmittelbar nach dem Schlupf Zugang zu Futter.
- Gruppe T1: Die Küken bekamen erstmals 24 Stunden nach dem Schlupf Futter.
- Gruppe T2: Die Küken mussten 48 Stunden auf die erste Fütterung warten.
Wichtig: Wasser stand allen drei Gruppen während des gesamten Versuchs durchgehend zur Verfügung. Die Untersuchung erfasste damit die Folgen eines verzögerten Futterzugangs, nicht die eines Wasserentzugs.
48 Stunden ohne Futter verschlechtern die Futterverwertung
Die deutlichsten Unterschiede zeigten sich bei der Mastleistung. Die Küken der Gruppe T2, die erst 48 Stunden nach dem Schlupf Futter erhielten, wiesen über den gesamten Mastdurchgang die ungünstigste Futterverwertung auf.
Auch beim Körpergewicht schnitten sie tendenziell schlechter ab als die Küken, die sofort fressen konnten. Dieser Unterschied deutete sich über die verschiedenen Mastphasen hinweg an.
Anders sah es bei den Tieren aus, die 24 Stunden auf Futter warten mussten. Sie konnten ihre anfänglichen Leistungsrückstände im weiteren Mastverlauf offenbar noch aufholen.
Die Forscher vermuten deshalb, dass zwischen 24 und 48 Stunden nach dem Schlupf ein kritischer Zeitraum liegen könnte. Wird der Zugang zum Futter zu lange hinausgezögert, fällt es den Küken möglicherweise zunehmend schwer, die Nachteile bis zur Schlachtreife auszugleichen.
Ähnliche Tendenzen hatten bereits andere Untersuchungen gezeigt. Einen allgemeingültigen Grenzwert lässt sich aus dem vorliegenden Versuch jedoch nicht ableiten.
Wann beginnen Küken tatsächlich zu fressen?
Die Forscher untersuchten außerdem, wann die Küken nach dem ersten Futterangebot tatsächlich mit dem Fressen begannen. Dazu kontrollierten sie, bei wie vielen Tieren der Kropf gefüllt war.
Dabei zeigten sich deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen.
Bei den Küken mit sofortigem Futterzugang (T0) hatten im Alter von 28 Stunden rund 50 % einen gefüllten Kropf. Im Alter von 44 Stunden waren es 100 %.
In der Gruppe mit 24 Stunden verzögertem Futterzugang (T1) erreichte der Anteil der Tiere mit gefülltem Kropf bereits im Alter von etwa 29 Stunden die Marke von 50 %. Mit 44 Stunden hatten auch hier alle Küken einen gefüllten Kropf.
Besonders auffällig war das Verhalten der T2-Gruppe: Obwohl diese Küken erst nach 48 Stunden Futter erhielten, hatten bereits vier Stunden später alle Tiere einen gefüllten Kropf.
Die Ergebnisse zeigen, dass die Küken nach dem Futterangebot rasch zu fressen begannen. Sie belegen aber auch, dass ein später Futterzugang trotz schneller Futteraufnahme mit Nachteilen für die spätere Mastleistung verbunden sein kann.
Frühe Fütterung: Kein messbarer Einfluss auf die Darmstruktur
Neben der Mastleistung untersuchten die Wissenschaftler, ob der Zeitpunkt der ersten Fütterung die Darmentwicklung beeinflusst. Eine verbreitete Annahme lautet, dass frühes Fressen die Darmbewegungen anregt und dadurch die Aufnahme des restlichen Dotters fördert.
Im vorliegenden Versuch fanden die Forscher dafür jedoch keine Hinweise. Auch andere Studien konnten diesen Zusammenhang nicht durchgehend bestätigen.
Die Wissenschaftler untersuchten außerdem die Struktur des Zwölffingerdarms (Duodenum). Dort beginnt ein wichtiger Teil der enzymatischen Nährstoffverdauung. Zwischen den drei Versuchsgruppen stellten sie keine statistisch signifikanten Unterschiede in der Darmmorphologie fest.
Das steht teilweise im Gegensatz zu früheren Untersuchungen, in denen ein verzögerter Futterzugang mit Veränderungen der Darmzotten einherging.
Auch der Nährstoffstoffwechsel blieb stabil
Nach dem Schlupf müssen Küken ihren Stoffwechsel umstellen. Während sie vor allem Nährstoffe aus dem fettreichen Dotterrest nutzen, nehmen sie nach der ersten Fütterung zunehmend Kohlenhydrate aus dem Futter auf.
Um mögliche Auswirkungen des Fütterungszeitpunkts zu erkennen, untersuchten die Forscher verschiedene Stoffwechselprodukte im Blut. Dabei fanden sie keine Unterschiede zwischen den drei Gruppen.
Die Wissenschaftler halten es deshalb für möglich, dass Küken über ein angeborenes Stoffwechselprogramm verfügen. Dieses könnte ihnen helfen, ihren Stoffwechsel während der ersten Lebensstunden weitgehend stabil zu halten – unabhängig davon, wann sie erstmals Futter aufnehmen.
Diese Vermutung lässt sich aus den untersuchten Blutwerten allein allerdings noch nicht abschließend bestätigen.
Was bedeutet das für die Masthähnchenhaltung?
Der Versuch zeigt: Ein um 48 Stunden verzögerter Futterzugang kann die Mastleistung von Broilern beeinträchtigen. Besonders deutlich war der Nachteil bei der Futterverwertung.
Bei einer Verzögerung von 24 Stunden konnten die Tiere ihre anfänglichen Rückstände dagegen offenbar noch ausgleichen.
Weder bei der untersuchten Darmstruktur noch bei den erfassten Stoffwechselparametern fanden die Forscher messbare Unterschiede zwischen den Gruppen.
Für Masthähnchenhalter unterstreichen die Ergebnisse, wie wichtig die ersten Lebensstunden der Küken sind. Ein früher Futterzugang kann helfen, Nachteile bei der späteren Mastleistung zu vermeiden.
Das gilt besonders für Haltungssysteme mit Schlupf im Stall. Dort können Küken unmittelbar nach dem Schlupf fressen und trinken.
Ob und in welchem Umfang sich die frühe Fütterung wirtschaftlich auszahlt, hängt jedoch von den Bedingungen des jeweiligen Betriebs ab. Der beschriebene Versuch liefert dazu keine konkreten Kosten- oder Erlösdaten.
Reagieren
Geflügelnews lädt Sie ein, auf Artikel zu reagieren und schätzt Reaktionen mit Inhalt. Die Redaktion behält sich das Recht vor, beleidigende oder kommerziell motivierte Reaktionen ohne Angabe von Gründen zu entfernen.