Geflügelbranche sucht Fachkräfte: Warum eine gute Ausbildung für Tierwohl und Betriebserfolg immer wichtiger wird
30 August 2026
Dienstleister
Die Geflügelhaltung braucht gut ausgebildete Fachkräfte. Doch der Beruf verlangt heute weit mehr als Kenntnisse über Fütterung und Haltung. Tierwohl, Technik, Nachhaltigkeit und Betriebsführung gehören ebenso dazu. Stefanie Kümmel vom Versuchs- und Bildungszentrum für Geflügelhaltung in Kitzingen erklärt, wie die Ausbildung zum Tierwirt funktioniert, welche Chancen Quereinsteiger haben und warum Geflügel in der landwirtschaftlichen Ausbildung mehr Gewicht bekommen sollte.
Kitzingen ergänzt, was Ausbildungsbetriebe nicht leisten können
Wer Tierwirt mit der Fachrichtung Geflügelhaltung wird, lernt einen vielseitigen Beruf. Ein einzelner Ausbildungsbetrieb kann jedoch kaum alle Bereiche der Geflügelwirtschaft abdecken. Hier setzt das Versuchs- und Bildungszentrum für Geflügelhaltung der Bayerischen Staatsgüter in Kitzingen an.
„Wir übernehmen den praktisch-theoretischen Teil der Ausbildung, der auf dem Ausbildungsbetrieb nicht abgedeckt werden kann“, erklärt Fachlehrerin Stefanie Kümmel. Das Zentrum ist keine klassische Berufsschule. Die Auszubildenden arbeiten auf ihren Praxisbetrieben und kommen für mehrwöchige Ausbildungsblöcke nach Kitzingen.
Dort stehen Ställe, Tiere, Brüterei, Schlachterei und Hofladen für die Ausbildung zur Verfügung. Das Zentrum arbeitet außerdem eng mit der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft (LfL) zusammen. Die LfL organisiert unter anderem Ausbildungsverhältnisse sowie Zwischen- und Abschlussprüfungen. In Kitzingen finden die überbetriebliche Ausbildung und Prüfungen statt.
Fünf Module decken die Geflügelhaltung ab
Die überbetriebliche Ausbildung schließt Lücken, die zwangsläufig entstehen: Ein Legehennenbetrieb kann seinem Auszubildenden beispielsweise nicht sämtliche Abläufe in der Putenmast oder einer Brüterei vermitteln.
Deshalb deckt Kitzingen fünf große Bereiche ab: Legehennenhaltung und Junghennenaufzucht, Mastgeflügel wie Hähnchen, Puten und Pekingenten, Produktveredelung und Vermarktung, Sonder- und Wassergeflügel sowie Zucht und Vermehrung mit Brüterei und Elterntierhaltung. Auch Schlachtung und Verarbeitung gehören dazu.
Das Angebot richtet sich nicht nur an bayerische Auszubildende. Teilnehmer kommen aus ganz Deutschland, besonders häufig aus Nordrhein-Westfalen, Hessen, Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.
Praktische Weiterbildung in der Geflügelhaltung
Fachwissen entscheidet über Tierwohl und Leistung
Für Kümmel steht fest: Professionelle Geflügelhaltung braucht qualifizierte Mitarbeiter. Wer Tiere betreut, muss Veränderungen früh erkennen und bei Problemen richtig reagieren.
„Wir arbeiten mit Lebewesen“, sagt Kümmel. Deshalb müssten Mitarbeiter im Stall ebenso wie Betriebsleiter fach- und sachkundig sein.
Dabei geht es nicht allein um biologische Leistungen. Tierwohl verlangt Kenntnisse über Verhalten, Haltung und Bedürfnisse der Tiere. Hinzu kommt die Nachhaltigkeit. Sie reicht im Betriebsalltag vom Umgang mit Wirtschaftsdünger bis zur Frage, wie sich die Nutzungsdauer von Legehennen verlängern lässt.
Tierwirt Geflügelhaltung: Drei Jahre für einen vielseitigen Beruf
Die Ausbildung zum Tierwirt mit der Fachrichtung Geflügelhaltung dauert drei Jahre. In Süddeutschland beginnt sie mit einem Berufsgrundschuljahr, in dem auch allgemeine landwirtschaftliche Themen wie der Ackerbau auf dem Stundenplan stehen.
Danach folgt die betriebliche Praxis. Auszubildende können zwischen verschiedenen Betrieben wechseln, um unterschiedliche Produktionsrichtungen kennenzulernen.
Wo ein Wechsel nicht möglich ist, hilft die Verbundausbildung. Dabei arbeitet der Auszubildende zeitweise auf einem anderen Betrieb, der fehlende Ausbildungsinhalte vermitteln kann. Die überbetrieblichen Kurse in Kitzingen ergänzen dieses System.
Die beruflichen Möglichkeiten sind entsprechend breit. Ausgebildete Tierwirte können in der Legehennenhaltung und Junghennenaufzucht ebenso arbeiten wie in der Hähnchen- oder Putenmast, bei Wassergeflügel, in Brütereien oder Schlachtereien.
Tierwirt oder Landwirt mit Schwerpunkt Geflügel?
Auch angehende Landwirte interessieren sich zunehmend für Geflügel. Kümmel beobachtet in Kitzingen, dass mehr Auszubildende diesen Schwerpunkt wählen.
Der wesentliche Unterschied liegt in der Spezialisierung. Landwirte beschäftigen sich während ihrer Ausbildung auch intensiv mit Pflanzenbau und wählen tierische Schwerpunkte. Dabei können sie beispielsweise Schweinehaltung und Hähnchenmast oder Milchvieh und Legehennen kombinieren.
Der Tierwirt mit Fachrichtung Geflügelhaltung steigt dagegen deutlich tiefer in die verschiedenen Bereiche der Geflügelproduktion ein.
Kümmel sieht hier Nachholbedarf in den Berufsschulen. Geflügel spiele in den Lehrplänen für angehende Landwirte bislang kaum eine Rolle. Das passe immer weniger zur Praxis: Die Branche entwickelt sich weiter, und Betriebe suchen neue Perspektiven oder steigen aus anderen Tierhaltungszweigen in die Geflügelhaltung ein.
Tierkontrolle
Geflügel gewinnt bei Abschlussprüfungen an Bedeutung
Auch bei den Prüfungen verändert sich etwas. In Bayern war es laut Kümmel früher schwierig, Geflügel als praktischen Prüfungsschwerpunkt zu wählen. Häufig fehlten Ausbildungsberatern und Prüfungsausschüssen entsprechende Fachkenntnisse.
Für Bayern und Baden-Württemberg werde dies inzwischen anders gehandhabt. Interessierte Auszubildende können ihre praktische Abschlussprüfung in Kitzingen absolvieren.
Die Nachfrage steigt. In einem Jahr wurden dort bereits zehn angehende Landwirte praktisch im Bereich Geflügel geprüft. Früher waren es laut Kümmel lediglich zwei oder drei.
Vom Tierwirt zum Tierwirtschaftsmeister
Nach der Ausbildung bietet sich vor allem die Fortbildung zum Tierwirtschaftsmeister mit Fachrichtung Geflügelhaltung an. Ausgebildete Tierwirte benötigen dafür in der Regel zwei Jahre Berufspraxis. Nach einer weniger stark auf Geflügel spezialisierten Ausbildung kann mehr Praxiserfahrung erforderlich sein.
Auch Quereinsteiger können sich qualifizieren. Wer genügend einschlägige Berufserfahrung gesammelt hat, kann die Zulassung zur Abschlussprüfung beantragen. Für diesen Weg nennt Kümmel mindestens fünf Jahre Berufserfahrung.
Die Meisterfortbildung für die Fachrichtung Geflügelhaltung wird in Kitzingen angeboten. Sie dauert regulär anderthalb Jahre und läuft berufsbegleitend. Die Teilnehmer besuchen acht Unterrichtsblöcke von jeweils zwei bis drei Wochen. Parallel erstellen sie auf ihrem Heimatbetrieb über rund ein Jahr ihre Meisterarbeit.
Meistertitel kann den Weg zum Studium öffnen
Mit dem Meister muss die berufliche Entwicklung nicht enden. Der Abschluss kann auch den Zugang zu einem Studium an Fachhochschulen ermöglichen.
Kümmel kennt diesen Weg aus eigener Erfahrung. Sie begann selbst mit einer Berufsausbildung und absolvierte später Fachabitur und Studium. Ihre Ausbildung brachte ihr dabei nicht nur Praxiswissen, sondern verkürzte auch ihren weiteren Bildungsweg.
Damit kann die klassische Berufsausbildung gerade für junge Menschen interessant sein, die sich noch nicht endgültig zwischen Praxis, Betriebsführung und Studium entscheiden wollen.
Quereinsteiger brauchen Verantwortung und Lernbereitschaft
Wer in die Geflügelhaltung einsteigen will, braucht für Kümmel vor allem Verantwortungsbewusstsein. Schließlich trägt jeder Tierbetreuer Verantwortung für Lebewesen. Interesse an Tieren und Natur gehört für sie ebenfalls dazu.
Zugleich verändert Technik das Berufsbild. Digitale Systeme halten immer stärker Einzug in die Ställe, und auch Anwendungen mit Künstlicher Intelligenz gewinnen an Bedeutung.
Technik könne den Betriebsalltag erleichtern, betont Kümmel. Sie ersetze aber weder Fachwissen noch den geschulten Blick des Menschen. Gute Tierbetreuer müssen weiterhin selbst beurteilen können, wie es einer Herde geht und wann sie eingreifen müssen.
„Geflügel ist kein Splitterberuf“
Kümmel wünscht sich deshalb mehr Aufmerksamkeit für Geflügelberufe im deutschen Bildungssystem. Die Geflügelhaltung dürfe nicht länger als Nische gelten.
Für Betriebe gewinnt diese Frage zusätzlich an Bedeutung. Moderne Geflügelhaltung verbindet Tiergesundheit und Tierwohl mit Technik, Wirtschaftlichkeit und Umweltanforderungen. Wer diese Aufgaben beherrschen soll, braucht eine fundierte Ausbildung – und attraktive Möglichkeiten, sich beruflich weiterzuentwickeln.
Geflügelnews
Bild:
LLH, Moorgut Kartzfehn
Quelle:
DLG
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