Zwischen Engagement und Einschüchterung – Wie Tierschutzaktivismus zur Bedrohung für Landwirte wird

10 Oktober 2025
Deutschland
Plukon

Waren hier Tierschutzaktivisten am Werk? Ein Brand in der Hähnchenschlachterei Plukon in Blokker (NH) zerstörte am 15. Juni 2025 neun Lastwagen und einen Kleinbus.

Was einst als Einsatz für das Tierwohl begann, hat sich mancherorts zu einer Form des Aktivismus entwickelt, die Landwirte zunehmend in Angst versetzt. Nicht erst seit dem jüngsten Tierschutzskandal in Brandenburg und heimlich gefilmtem Material aus Hähnchenmastanlagen ist klar: Die Spannungen zwischen Tierschützern und Tierhaltern nehmen europaweit zu – auch jenseits der deutschen Grenze.

Alarmierende Fälle aus den Niederlanden

In den Niederlanden häufen sich Berichte über aufgebrochene Stalltüren, nächtliche Eindringlinge mit Sturmhauben und versteckte Kameras. Der dort neu geschaffene Meldepunkt für Belästigungen in der Landwirtschaft verzeichnet bereits über hundert Fälle – von Schmierereien auf Zufahrtsstraßen bis hin zu gezielten Einschüchterungen. Eine Landwirtin findet einen giftgrünen Totenkopf vor ihrem Hof, andere werden von Nachbarn wegen angeblicher Verstöße den Behörden gemeldet.

Ein Freifahrtschein für Aktivisten?

„Wir bekommen wirklich beunruhigende Meldungen, viele gehen einem unter die Haut“, sagt Linda Verriet, Vorsitzende der niederländischen Produzentenorganisation Schweinehaltung (POV).

Besonders umstritten ist ein Gerichtsurteil aus 2023, das 60 Aktivisten nach einer Stallbesetzung in Boxtel freisprach. „Damit ist eine Art Freifahrtschein entstanden“, so Verriet. „Man darf gegen Gesetze verstoßen, wenn man behauptet, Missstände aufzudecken – selbst wenn sich später herausstellt, dass es keine gab.“ Seit dieser Gerichtsentscheidung sei das Vertrauen vieler Landwirte in den Rechtsstaat erschüttert. „Es fühlt sich an als hätte diese Leute einen Freifahrtschein für ihre Handlungen bekommen“, so Verriet.

Drohungen, Schmierereien und nächtliche Angst

Die Einschüchterung hat verschiedene Formen: Ein Fahrer findet den Schriftzug „Du bist ein Mörder“ auf einem Zettel, ein anderer wird beim Tanken bedroht. Drohnen über landwirtschaftlichen Höfen und Aktivisten, die heimlich filmen, sind keine Seltenheit mehr. Selbst harmlose Begegnungen mit vermeintlichen Umweltschützern, wie im Fall des Landwirts Jan, der von Aktivisten in weißen Overalls konfrontiert wurde, hinterlassen Spuren von Angst und Misstrauen.

Ein besonders drastisches Beispiel liefert der Brand beim Geflügelschlachthof Plukon, bei dem neun Lastwagen zerstört wurden – ein Wendepunkt, sagt Helma Lodders von Vee & Logistiek Nederland. Seitdem fühlten sich viele Fahrer und Landwirte noch unsicherer.
Obwohl die niederländischen Behörden die Bedrohungslage offiziell als gesunken einstufen, widerspricht die POV entschieden. Immer wieder erreichen sie Meldungen von Drohungen, Beschimpfungen und psychischer Belastung. „Einige Landwirte sind so erschöpft, dass sie ihren Beruf aufgeben müssen“, sagt Verriet.

Politischer Druck wächst – doch Antworten fehlen

Gemeinsam mit LTO und Vee & Logistiek Nederland fordert die POV daher politische Aufmerksamkeit. Nach massivem Druck wurde das Thema Tierschutzaktivismus immerhin in die parlamentarische Debatte über Extremismus aufgenommen. Doch auf eine Reaktion des Justizministeriums warten die Verbände bis heute.

Viele Betroffene berichten inzwischen von einem Gefühl der Ohnmacht. Eine Landwirtin erhielt eine Karte mit dem Wort „Tiermörderin“, ein anderer wurde öffentlich in sozialen Medien bloßgestellt. „Man denkt, es ist nur ein Anruf oder ein Kommentar – aber die Angst bleibt“, sagt Verriet.

Ihr Appell ist klar: Anzeige erstatten – immer. Nur so könne das Problem sichtbar werden. Denn hinter den Zahlen stehen Menschen, die täglich versuchen, zwischen Tierwohl, öffentlicher Erwartung und persönlicher Sicherheit ihren Weg zu finden.

Geflügelnews
Bild: RVP Media
Quelle: Lorena Bronk, Agrio

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