Keine Küken, keine Produktion: Warum Estland Millionen in eine Brüterei investieren will

15 Juli 2026
Gesellschaft
Estland Resilienz

Nicht nur in Deutschland wird mehr und mehr über die Themen Ernährungssicherung und Resilienz diskutiert. Die Geflügelproduktion kann dabei eine wichtige Rolle spielen. Auch im baltischen Estland sieht man - speziell vor dem Hintergrund des Ukraine-Kriegs - die Notwendigkeit, eine Selbstversorgung bei Geflügelfleisch und Eiern aufzubauen. 

Estland ist das nördlichste der drei baltischen Staaten und hat im Osten eine lange Grenze zu Russland. Angesichts eines möglichen militärischen Konflikts in der Region will das Land seine Selbstversorgung bei Geflügel hochfahren. Die estnische Regierung prüft Pläne für Investitionen in eine Geflügelbrüterei. Zweiter Grund ist, auch bei einer möglichen neuen Pandemie wie Corona nicht auf zum Beispiel Kükenlieferungen über die Grenzen angewiesen zu sein.  

Angewiesen auf Import von Eintagsküken

Geflügelproduzenten in Estland hatten gewarnt, dass die Geflügelbranche des Landes innerhalb weniger Wochen zusammenbrechen könnte, sollten die Grenzen aufgrund einer schweren Krise oder eines militärischen Konflikts mit Russland geschlossen werden. Dies berichtet laut „Poultry World“ die estnische Zeitung „Postimees“.

Estland ist bei einem wesentlichen Teil der Geflügelproduktion derzeit fast vollständig von Importen abhängig: Bruteier stammen aus Dänemark, während die Küken in Finnland ausgebrütet werden und als Eintagsküken nach Estland kommen. Ohne diese Lieferungen würden die heimischen Erzeuger sowohl von Masthähnchen als auch von Eiern sehr schnell ihre Produktion einstellen müssen. Diese Anfälligkeit wurde während der Covid-19-Pandemie deutlich, als Länder wie Polen und Finnland den Grenzverkehr einschränkten. In Estland gibt es aktuell keine Brüterei. 

Sorge vor neuer Pandemie oder militärischem Konflikt 

Unter anderem warnen Erzeuger davor, dass in einem möglichen militärischen Szenario die Aufrechterhaltung regulärer Lieferungen über den Finnischen Meerbusen hinweg unmöglich werden könnte. Speziell bei Hähnchenfleisch wären die verfügbaren Vorräte nach etwa 40 Tagen aufgebraucht, heißt es im Zeitungsbericht. Der Finnische Meerbusen trennt Finnland von Estland, zwischen den beiden Hauptstädten Tallinn und Helsinki gibt es einen schnellen und regelmäßigen Fährverkehr. 

Die Diskussionen über die Stärkung der Resilienz und der Eigenversorgung haben im gesamten Ostseeraum an Dynamik gewonnen. Dies gelte laut Poultry World umso mehr, nachdem nicht identifizierte oder ausländische Drohnen in den baltischen Luftraum eingedrungen waren. Diese Vorfälle fielen mit einer zunehmend konfrontativen Rhetorik zwischen Moskau und den baltischen Staaten zusammen. Russland warf Estland, Lettland und Litauen vor, ukrainische Angriffe auf russische Ziele zu unterstützen. Es wurden von Russland Warnungen bezüglich der angeblichen Rolle der baltischen Staaten in dem Konflikt ausgesprochen.

Hoffnung auf EU-Gelder für Bau einer Brüterei

Um das Risiko zu verringern, erwägt Estland Investitionen in eine eigene Infrastruktur für Brütereien. Der Bau einer lokalen Brüterei würde schätzungsweise 7 bis 8 Mio. Euro kosten. Der Staat würde möglicherweise bis zu 70 % der Investitionskosten übernehmen. Laut dem estnischen Landwirtschaftsminister Hendrik Johannes Terras hinge die Gesamtfinanzierung von der Verfügbarkeit von EU-Mitteln ab.

Christa Diekmann-Lenartz
Bild: AdobeStock_aquatarkus
Quelle: Poultry World

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