In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Castrop-Rauxel laufen Hühner frei über das Gelände – umsorgt von inhaftierten Männern. Seit nunmehr zehn Jahren kümmern sich Gefangene im offenen Vollzug um kranke Tiere, die andernfalls geschlachtet worden wären. Das Projekt ist inzwischen fest etabliert und bringt laut JVA-Leitung Vorteile für Mensch und Tier.
Frische Eier und echte Gefühle: Der Alltag im Knasthühner-Projekt
„Auch der gestandene, muskulöse Straftäter drückt schon mal ein Tränchen ab, wenn die kranken, leidenden Hühner bei uns ankommen“, beschreibt Projektleiterin Anika Schäfer die emotionale Wirkung des Einsatzes. Aktuell sind vor allem drei Häftlinge – Ryan (23), Manuel (35) und Marco (42) – mit der Pflege der Tiere betraut. Sie füttern, säubern Ställe, bessern Zäune aus und kümmern sich auch handwerklich um die Anlage. Die Tiere danken es mit Zutrauen – und rund 200 Eiern pro Woche.
Tierpflege als Weg zur Ruhe
Ryan, der eine Geldstrafe wegen Falschaussage absitzt, hatte vorher keinen Bezug zu Hühnern. „Aber ich liebe Tiere und unter den gegebenen Umständen ist es der perfekte Job für mich“, sagt er. Besonders angetan hat es ihm der Hahn Rio. Auch die weißen Hühner, die er „Bella“ nennt, seien ihm ans Herz gewachsen. Die tägliche Arbeit beginne früh – Füttern, Wasserwechsel, Streicheln. „Es ist gut, um auch einfach mal etwas Ruhe zu haben, den Kopf freizubekommen.“
Verantwortung und Stolz
Für Manuel, der wegen Betrugs einsitzt, ist die Arbeit mit den Hühnern mehr als nur Beschäftigung. „Man fragt sich schon am Anfang: Macht man das wohl alles richtig hier, man hat ja eine Verantwortung. Aber die Hühner fühlen sich wohl, das merkt man und das ist eine schöne Bestätigung.“ Als gelernter Gartenbauer freut er sich über die Möglichkeit, auch körperlich tätig zu sein.
Der offene Vollzug bereitet aufs Leben vor
Wie JVA-Sprecher Marc Marin erklärt, zielt der offene Vollzug darauf ab, die Gefangenen auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten. Rund 350 Häftlinge arbeiten in unterschiedlichen Bereichen wie Küche, Schlosserei oder Schreinerei – manche auch außerhalb des Gefängnisses nach entsprechender Sicherheitsprüfung. Das Hühnerprojekt sei besonders geeignet, soziale Kompetenzen zu fördern. Laut dem nordrhein-westfälischen Justizministerium entwickeln viele Häftlinge durch den Umgang mit Tieren mehr Empathie und Selbstbewusstsein. Selbst verschlossene Persönlichkeiten öffneten sich durch die Arbeit mit den Hühnern.
Nicht jeder ist geeignet – aber viele profitieren
„Man muss ein gutes Händchen für Tiere haben, zuverlässig sein und anpacken können“, so Schäfer. Gerade Häftlinge mit psychischen oder körperlichen Einschränkungen, die in der Werkstatt nicht einsetzbar sind, finden hier eine sinnvolle Aufgabe. Ein vierter Mann wird gerade eingearbeitet. Im Sommer sollen bis zu 50 weitere Hühner hinzukommen. Damit wächst nicht nur die Tierzahl, sondern auch die Warteliste für diesen besonderen Job.
Ein neuer Blick aufs Leben
Marco, 42 Jahre alt und schwerbehindert, hat in der Hühnerpflege eine neue Perspektive entdeckt. „Ich habe gedacht, mir mein Leben mit mehreren Betrugssachen leichter finanzieren zu können. Ich bereue das“, sagt er offen. Die Arbeit im Stall sei kreativ und erfüllend. Für die Zeit nach seiner Entlassung denkt er bereits über eine Tätigkeit im Tierheim oder Zoohandel nach.
Laut dem Justizministerium NRW zeigt das Hühnerprojekt, wie sinnvoll Resozialisierung mit Herz und Verstand funktionieren kann – und wie selbst einfache Aufgaben große Wirkung entfalten können.
Laut Angaben der JVA Castrop-Rauxel gibt es mittlerweile mehr als 90 Tiere auf dem Gelände – so viele wie in keinem anderen der fünf Knasthuhn-Projekte in Nordrhein-Westfalen.

































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