Zweinutzungshühner: Schon eine praxisreife Alternative?

15 Mai 2024
Zweinutzungshuhn
Zweinutzungshuhn

Männliche Eintagsküken dürfen seit dem 1. Januar 2022 nicht mehr getötet werden. Neben der Geschlechtsbestimmung im Ei und der Bruderhahnaufzucht ist das Zweinutzungshuhn eine Alternative. Ist sie schon praxisreif?

Die In-Ovo-Geschlechtsbestimmung hat sich in mehreren Varianten bei Brütereien bereits gut etabliert. Die Aufzucht von Bruderhähnen als Alternative zum Kükentöten wird kontrovers diskutiert vor allem wegen des hohen Ressourcenverbrauchs. Wie ist nun der Stand bei der dritten Alternative, der Haltung von Zweinutzungshühnern? Mit der Frage, ob sie praxisreif ist, befasste sich der NRW-Geflügeltag 2024 auf Haus Düsse unter anderem.

Josefine Stuff promoviert an der Universität Bonn und betreut dort ein Projekt zum Thema. Ihrer Meinung nach kann die Frage, welche der drei Alternativen am besten ist, nicht generell beantwortet werden. Jeder Betrieb könne das nur individuell nach seinen Gegebenheiten und Anforderungen entscheiden.

Wirtschaftliche Produktion mit Fragezeichen

Laut Definition soll das Zweinutzungshuhn bekanntlich eine möglichst hohe Legeleistung mit einer möglichst hohen Mastleistung auf Hahnenseite kombinieren – so, dass beide Geschlechter eine wirtschaftliche Produktion ermöglichen. Letzteres dürfte vielfach noch mit einem Fragezeichen zu versehen sein.

Unterschieden werden bei den Zweinutzungshühnern die Hybriden, die reinen Zweinutzungsrassen und die Gebrauchskreuzungen. Die Zweinutzungshybriden werden mittlerweile von allen namhaften Zuchtunternehmen angeboten und weisen bereits ein recht hohes Niveau sowohl bei den Lege- als auch bei den Mastleistungen auf. Die Zucht macht hier laufend weitere Fortschritte.

Bei den reinen Zweinutzungsrassen nannte Josefine Stuff als Beispiel die Rasse Ixworth, die aus England stammt und mit der an der Uni Bonn gearbeitet wird. Die weißen Tiere gelten als robust und sehr gut geeignet für die Freilandnutzung. In einem Zuchtprojekt in Bonn zeigte die Rasse Zuchtfortschritte bei den Tageszunahmen (28 g) und Endgewichten (2.412 g), und auch bei der Legeleistung (192 Eier je Anfangshenne). Vom Niveau sind diese jedoch weit entfernt von den Lege- bzw. Masthybriden. Vorteil für Halter ist, dass die Tiere selbst nachgezogen werden können.

Marktangebot Zweinutzungsherkünfte in Deutschland,

Züchter Name Eier/Jahr Tageszunahmen (g)
ÖTZ* u.a. Bresse Gauloise 180-200 22-26
ÖTZ* Coffee, Cream, Caramel 200-230 23-27
BZ Triesdorf Triesdorfer Landhuhn 200-220 20-28
Uni Bonn 6 Kreuzungen,
RH** x Hybrid
170-270 16-30
Lohmann Lohmann Dual 282 35
Novogen Black, Blacktail, Silver
301-316
nicht bekannt
Hendrix ISA Dual 292 30
Sasso Ciara, Ivory, Scarlet, Irona, Silver
286-350 (75 W.)
23-31
Tetra Tetra H, Super Harco 210-250 24-30
Dominant (diverse, legebetont) 220-290 nicht bekannt

 

 

 

Quelle: Prof. Dr. Bernhard Hörning, *Ökologische Tierzucht, **Rassehuhn

Demnächst kommt Management-Leitfaden

Als Herausforderung sah sie die gemischtgeschlechtliche Aufzucht (nicht kennfarbig) und fehlende Bedarfszahlen für die Fütterung. Sie empfahl ein Junghahnfutter. Noch nicht zufriedenstellend sei die Legepersistenz. An der Uni Bonn soll zudem das Selektionsmerkmal „Wetterbeständigkeit“ bei den Ixworth mit aufgenommen werden.

Aus den Erfahrungen mit der Zweinutzungsrasse heraus hat die Forschungsgruppe, zu der Josefine Stuff gehört, einen Managementleitfaden erarbeitet. Er soll in Kürze veröffentlicht werden.

Gebrauchskreuzung mit Hochleistungshybriden

In ihrem aktuellen Projekt „ÖkoGen“ befasst sich die Wissenschaftlerin mit Gebrauchskreuzungen aus lokalen „alten“ Rassen mit Hochleistungshybriden. Unter anderem soll so eine breitere Rassenvielfalt geschaffen werden, die eine Vermarktung mit Regionalbezug ermöglicht.

In Bonn konzentriert man sich auf die Rassen Altsteirer, Bielefelder Kennhuhn und Ramelsloher. Die Hennen werden sowohl mit Lege- als auch mit Masthybriden-Elterntieren gekreuzt. Durch die Kreuzung mit Masthybriden konnte das Mastendgewicht im Schnitt schon um 57 Prozent gesteigert werden. Bei der Kreuzung mit der Legehybride konnte die Anzahl Eier/Durchschnitthenne um bis zu 107 Prozent auf 252 gesteigert werden. Auch wenn nicht die Leistungsniveaus der Hybridzucht erreicht werden, zeigte sich Josefine Stuff zuversichtlich, dass weitere Verbesserungen möglich sind. Jedoch werde man sich eben zwischen legebetonten und mastbetonten Gebrauchskreuzungen entscheiden müssen.

Vermarktung bleibt die Herausforderung

Die große Herausforderung bleibt ihrer Meinung nach die Vermarktung. Gut etabliert seien die Zweinutzungstiere in der Direktvermarktung. Hier könne mehr regionale Wertschöpfung erreicht werden. Aber es sei noch viel „Aufklärungsarbeit“ bei Verbrauchern zu leisten, was in der Direktvermarktung natürlich etwas einfacher ist. Ansonsten müssten auch weitere Vermarktungskonzepte entwickelt werden. Als sehr wichtig sah sie ein Netzwerk für Halterinnen und Halter von Zweinutzungstieren an. Hier sei man auf einem guten Weg.

 

Christa Diekmann-Lenartz
Bild: adobe_Stock_JuliaAnna

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