Weitermachen trotz schwieriger Zeiten

06 Dezember 2022
Gans
Iris Tapphorn

Landwirtin Iris Tapphorn züchtet und mästet Gänse auf ihrem Betrieb im Landkreis Vechta. Futter- und Energiepreise, Geflügelpest und Politik machen es ihr aktuell schwer. Optimistisch bleibt sie aber trotzdem. 

Letztes Jahr im Frühjahr war es so weit. Mit einer unguten Vorahnung ging Iris Tapphorn am Morgen des 18. März in den Stall. 2.400 Zuchtgänse hielt die Landwirtin zu dieser Zeit auf ihrem Betrieb. Keine 24 Stunden später waren Ställe und Weiden leer. Auf dem Gänsehof Tapphorn war eingetreten, wovor sich aktuell viele Geflügelhalter fürchten: Der eigene Zuchtbestand hatte sich mit der Geflügelpest infiziert. „Für einen Zuchtbetrieb unmittelbar vor der Brutsaison ist das natürlich der Super-GAU“, sagt Iris Tapphorn heute. Die 38-Jährige züchtet und mästet Gänse im geschlossenen System auf ihrem Betrieb im Landkreis Vechta.

Vielfältiger Familienbetrieb 

Den breit aufgestellten Familienbetrieb hat Iris Tapphorn 2009 von ihren Eltern übernommen. Im Frühjahr beginnt die etwa viermonatige Legeperiode der Gänse. Wenn es gut läuft, sind es 58 Eier pro Zuchtgans, die jedes Jahr – in der hofeigenen EU-Brüterei – ausgebrütet werden. Mitte Juli schlüpfen dann die ersten Küken. Der Großteil von ihnen wird zur Aufzucht an andere Mäster verkauft. Ein Teil der Küken bleibt jedoch, bis zu Sankt Martin bzw. bis Weihnachten, auf dem Gänsehof in Lohne. Ende des Jahres werden sie dann in der hofeigenen EU-Schlachterei geschlachtet, im Hofladen oder über den eigenen Onlineshop vermarktet. Auch die Federn und Daunen der Tiere werden hier gereinigt und aufgearbeitet und anschließend in Daunendecken und -kissen verkauft. 

Damit die Anzahl der hier geschlüpften Gänse möglichst hoch ist, wird ein besonderer Fokus auf das Tierwohl gelegt, denn: „Wann haben wir Lust auf die schönste Nebensache der Welt?“, fragt Iris Tapphorn. „Wenn wir gesund und satt sind und keinen Stress haben. Das ist bei Gänsen nicht anders.“ Und genau diese „Nebensache“ – genauer gesagt, befruchtete Gänse-Eier – bilden die Existenzgrundlage für den Gänsehof. „Deshalb betreiben wir hier auch sehr viel Wellness rund um die Gans. Die Tiere müssen immer gut versorgt sein und mögen keinen Stress. Stattdessen lieben sie Routinen. Immer die gleichen Abläufe, immer die gleichen Menschen.“

Diese Routinen waren es auch, die im März letzten Jahres für einen reibungslosen Ablauf sorgten. 

Kompletter Bestand musste gekeult werden 

Unter der Aufsicht und mit der Hilfe der GESEVO, der Gesellschaft für Seuchenvorsorge, musste Iris Tapphorn ihren kompletten Bestand 24 Stunden später keulen. „Ich hätte auch den Hof verlassen und die ganze Keulung der GESEVO überlassen können. Aber für mich war es wichtig, dabei zu sein“, sagt die Landwirtin. „Wir haben das dann mit unserem eigenen Personal gemacht, das die Tiere auch kannten. Dadurch ging alles sehr schnell und nach fast drei Stunden waren wir fertig.“

Für jedes gekeulte Tier hat Iris Tapphorn im Anschluss 50 Euro Entschädigung von der Tierseuchenkasse bekommen. „Für Masttiere ist dieser Betrag auch in Ordnung“, sagt die Landwirtin. „Für Zuchttiere, deren Wert bei knapp 200 Euro liegt, sind 50 Euro allerdings viel zu wenig.“ Seit Jahren fordert Iris Tapphorn deshalb eine Änderung des Paragrafen 16 des Tiergesundheitsgesetzes. Darin ist die Entschädigungshöhe für die unterschiedlichen Tierarten festgeschrieben. Zwischen Zucht- und Mastgänsen wird dabei nicht unterschieden und Iris Tapphorn fordert eine Erhöhung der Entschädigungssumme für Zuchttiere auf 110 Euro. „Das ist zwar immer noch weniger als der eigentliche Wert der Tiere, würde uns aber das wirtschaftliche Überleben sichern.“ 

Anpassungen der Gesetze dringend nötig 

Damit die Gänsezucht und somit auch die Mast in Deutschland eine Zukunft haben, braucht es gesetzliche Änderungen, da ist sich Iris Tapphorn sicher. Und für diese Änderungen kämpft sie seit Jahren. „Ich habe den Tierseuchenkassen in Deutschland geschrieben und erklärt, warum wir eine Änderung von Paragraf 16 brauchen“, sagt Iris Tapphorn. „Ich habe Politiker und Politikerinnen sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene angerufen und angemailt. Habe ihnen auf Pressekonferenzen geradezu aufgelauert, damit sie mir zuhören. Damit ich eine Chance bekomme, meinen Betrieb auch zukünftig weiterzuführen!“

Und obwohl alle Tierseuchenkassen in Deutschland und auch mehrere Bundesländer ihre Forderung unterstützen, hat der Agrarausschuss im Bundestag einer Erhöhung der Entschädigung auf 110 Euro dennoch nicht zugestimmt. „Ich habe bis heute keine Begründung erhalten, warum der Forderung nicht zugestimmt wurde“, so Iris Tapphorn. „Anscheinend hat die nachhaltige Gänseproduktion nicht genug Gewicht in Berlin.“

Keine Möglichkeit gesetzeskonform zu handeln 

Die Dringlichkeit, mit der sich Iris Tapphorn an die Politik wendet, wird jedoch immer größer. Denn auch in diesem Jahr gab die Vogelgrippe wieder Anlass zur Sorge. Aufgrund eines Ausbruchs auf einem Betrieb im Nachbarort bekam Iris Tapphorn die Anordnung, alle ihre Tiere aufzustallen. 4.000 Mastgänse, für die es auf dem Gänsehof zwar große Weiden, aber kaum Ställe gibt. „Wie hätte ich das machen sollen? Ich kann doch nicht meine Tiere bei 35 Grad im Stall stapeln. Ohne ausreichend Platz. Ohne ausreichend Tränken. Ohne Lüftung“, sagt Iris Tapphorn. „Die Tiere wären doch nach kurzer Zeit elendig gestorben!“ 

Also entschied sie sich dafür, ihre Gänse auf den Weiden zu lassen – und damit gegen die Seuchenvorsorge zu verstoßen. Hätten sich ihre Gänse erneut infiziert, hätte Iris Tapphorn eventuell einen geringeren Anspruch auf Entschädigungen gehabt. „Es war mir in der Situation nicht möglich“, so die Landwirtin „mich gesetzeskonform zu verhalten. Entweder hätte ich gegen das Tierschutzgesetz oder gegen das Seuchenschutzgesetz verstoßen.“  Im Infektionsfall hätte die Landwirtin ein Gericht entscheiden lassen müssen. 

„Es muss dringend ein gesetzlicher Rahmen geschaffen werden, damit wir Gänsehalter wissen, wie wir uns in Zukunft korrekt verhalten können“, so Iris Tapphorn. „Die Möglichkeit, dass wir unter Auflagen eine Ausnahmegenehmigung erteilt bekommen können, würde helfen.“

Gänse werden knapp und teurer 

Die aktuell schwierigen Bedingungen, in erster Linie die Geflügelpest, lassen Gänse in diesem Jahr zur Mangelware werden. „Wer eine Weihnachtsgans aus Deutschland möchte, sollte schnell vorbestellen“, sagt Iris Tapphorn. Die verbliebenen Gänse werden jedoch teurer als in den vergangenen Jahren. Allein die hohen Gaspreise kosten den Gänsehof Tapphorn 40.000 Euro zusätzlich pro Jahr. Hinzu kommt eine Verdopplung der Futterkosten. „Wir werden in diesem Jahr 3 Euro pro Kilo mehr nehmen müssen. Wir legen unsere Kalkulationen offen und hoffen, dass die Kunden diesen Aufpreis bezahlen werden.“ Einen Gewinn, so die Landwirtin, rechne sie in den Aufpreis nicht mit ein. Es sei ausschließlich eine Durchgabe der gestiegenen Kosten. 

Situation ist psychisch belastend

Iris Tapphorn versucht, die aktuelle Situation, nicht zu sehr an sich ranzulassen. „Ich weiß ja nicht einmal, ob ich zu Weihnachten überhaupt Gänse verkaufen kann. Es kann ja sein, dass ich gleich in den Stall gehe und dann liegen da wieder die ersten toten Tiere“, so die Landwirtin. „Es ist schwierig, jeden Tag mit dieser Angst zu leben!“

Und dennoch hat sie Hoffnung, dass sich die Bedingungen für die Gänsehaltung in Deutschland doch noch ändern werden. „Wir sind doch genau das, was unser aktueller Landwirtschaftsminister eigentlich fördern möchte: ein kleiner Betrieb mit Freilandhaltung und Direktvermarktung“, sagt Iris Tapphorn und appelliert an ihre Berufskollegen: „Sagt was ihr denkt. Sucht euch Verbündete. Lasst euch in Ämter wählen und nutzt diese für eure Zwecke. Verschafft euch Gehör – auf konstruktive Weise!“

Land und Forst / Leonie Jost
Bild: Kristoffer Finn

Reagieren

Geflügelnews lädt Sie ein, auf Artikel zu reagieren und schätzt Reaktionen mit Inhalt. Die Redaktion behält sich das Recht vor, beleidigende oder kommerziell motivierte Reaktionen ohne Angabe von Gründen zu entfernen.

Zimmermann - vor 2 Monaten
Wer hört schon auf uns. Wenn wir die Realität beschreiben werden wir entweder als Kämmerer oder als leckerer bezeichnet. Und so einen wählt keiner.

Wissenspartner