Praktische Erfahrungen mit der Beschäftigung von Puten

29 Mai 2022
Pute

Auf seinem Betrieb im bayerischen Schwaben mästet Ernst Linder 20.000 Putenhähne im 12-Wochen-Rhythmus. Als Kükenrasse setzt der Landwirt auf die Herkünfte TP7 und BUT 6. In den Jahren 2017 und 2018 wirkte der Betrieb Linder als Projektbetrieb im Modell- und Demonstrationsvorhaben Tierschutz (MuD) „Minimierung von Federpicken und Kannibalismus bei Mastputen“ mit. Dabei gewann der Putenmäster praktische Erfahrungen bei der Haltung von unkupierten Puten und lernte, welche Beschäftigungsmaterialien von Puten gut angenommen werden. 

„Das Interesse, Veränderungen in unserer Haltung zu erproben, ist bei mir sehr groß. Es macht mir Freude, nach Lösungen zu suchen und theoretisches Wissen in die Praxis umzusetzen,“ beschreibt Ernst Linder seine Motivation zur Teilnahme an dem Modell- und Demonstrationsvorhaben. „Ich erhoffte mir einen Wissensvorsprung bei der Haltung unkupierter Puten.“

Insgesamt sechs Durchgänge mit Putenhähnen flossen in das MuD-Projekt ein: In den ersten zwei Durchgängen tastete sich Ernst Linder mit jeweils 300 Tieren langsam an die Haltung unkupierter Puten heran und steigerte dies im dritten Durchgang auf 1200 unkupierte Tiere. Vor der ersten Einstallung sicherte sich der Landwirt beim Schlachthof ab: Falls sich die Tiere sehr stark bepicken würden und ein Notstand einstünde, wäre eine sofortige Notschlachtung möglich (gewesen). 

Während des MuD-Vorhabens wurden bei Ernst Linder verschiedene Maßnahmen erprobt, mit denen Federpicken bei unkupierten Puten vermieden werden soll. Dazu zählen erhöhte Aufsitz- und Rückzugsmöglichkeiten und verschiedene Spielmaterialien oder Picksteine. Darüber hinaus kamen Materialien zum Einsatz, mit denen der spitze Schnabel der Puten abgestumpft werden sollte, zum Beispiel Schleiffließe. Auch mit Futterraufen, Futternetzen und Futterstreuautomaten wurde experimentiert. Letztere bewährten sich nicht; sie lenkten die Tiere nicht lange und nicht gut genug ab. Ein weiterer Ansatz, das Federpicken zu unterbinden beziehungsweise zu reduzieren, wurde über das Angebot verschiedener Lichtintensitäten verfolgt. 

Nach sechs Durchgängen kann zusammengefasst werden: 

  • Wenn sich unkupierte Tiere picken, kommt es stets zu starken Verletzungen, leichte Verletzungen gibt es kaum. Mit ihrem spitzen Oberschnabel können die Tiere sehr stark selektieren und bei anderen Tieren ohne Probleme auch Sehnen freilegen. Ernst Linder war immer wieder erstaunt darüber, wie schnell dies ging. 
  • Die Tierverluste durch Beschädigungspicken erhöhten sich während des MuD-Vorhabens auf dem Betrieb Linder um circa 3 bis 6 Prozent im Vergleich zu den kupierten Tieren, was die Einkünfte des Betriebe schmälerte. 
  • Die Endgewichte lagen durchschnittlich 200 Gramm unter denen der kupierten Tiere.
  • Es waren wesentlich höhere Produktionskosten (Strom, Beschäftigungsmaterialien, etc.) zu verzeichnen.
  • Unkupierte Tiere erfordern einen wesentlich höheren Personalaufwand, da es notwendig ist, mindestens drei- bis viermal täglich durch den Stall zu gehen. Für alle Mitarbeiter bedeutet die Arbeit mit unkupierten Puten eine enorme Belastung, da die allermeisten der verletzten Tiere notgetötet werden mussten.

Aus den genannten Gründen ist ein Verzicht auf das Schnabelkupieren bei Puten nach Meinung von Ernst Linder derzeit nicht möglich. „Doch alle zusammen müssen wir weiter an Licht, Beschäftigungsmaterialien und Stallstrukturierung forschen, um die Haltungsbedingungen für Puten so optimal wie möglich zu gestalten“, so Linder. Auch müsse der Frage nachgegangen werden, wieviel Managementfehler passieren dürfen. 

 

Dieser Futterkorb im Stall wurde mit Holzkohle und Stroh befüllt.
So startete der Betrieb in das Projekt mit 300 unkupierten Puten. Die Tiere wurden mitten im Stall von der übrigen Herde abgetrennt, damit die Haltungsbedingungen untereinander vergleichbar zu halten. Mit der Besatzdichte haben wir uns immer an die konventionellen Maßgaben gehalten.
In der Mastanlage wurde die Abtrennung an der Seite des Stalles positioniert, um hinsichtlich der Fütterungs- und Tränkeinrichtungen die gleichen Bedingungen zu haben wie im übrigen Stall.
Die erhöhten Aufsitz- und Rückzugsmöglichkeiten im Putenstall hat Ernst Linder selbst konstruiert. Die erhöhte Ebene besteht aus einem Stahlgitter, auf das die Tiere gut klettern können. Die Aufsitzhilfe ist 6 Meter lang und 1,40 Meter breit.
An die Fütterung sind weiße und rote Kunststoffketten und in Streifen geschnittene Förderbandgummis angebracht. Die Tiere können damit sehr gut spielen: Das Material ist praxistauglich, es geht nicht so schnell kaputt und kann über mehrere Durchgänge hinweg verwendet werden. Außerdem ist es gut zu reinigen und zu desinfizieren.
Picksteine wurden an verschiedenen Orten im Stall platziert, zum Beispiel einfach mit einem Hasendraht an die Fütterungslinie montiert.
Kunststoffringe, die im Stall verteilt wurden, sollten Ablenkung bringen. Mit diesen Ringen beschäftigten sich die Tiere sehr gut. Vorteil der Kunststoffringe: Sie bleiben auch beim Nachstreuen am Boden liegen und tauchen zwischen der Einstreu immer wieder auf. Nach dem Ausstallen der Herde können sie leicht entnommen werden und landen so nicht in der Biogasanlage oder auf dem Feld.
Um den spitzen, intakten Schnabel abzustumpfen experimentierte Ernst Linder mit Schleiffließen, einem Material aus der Autoindustrie. Die Fließe haben viele kleine Fasern. Der Hintergedanke beim Einsatz dieses Materials: beim Herausziehen der Fasern nutzen sich die Schnäbel ab. Das Material wurde gut angenommen, allerdings konnte kein wirklicher Abschleifeffekt festgestellt werden.
Eine Aufsitzmöglichkeit, die an der Wand eines Maststalles montiert wurde.
Diese Holzkonstruktion soll mitten im Stall einen abgedunkelten Rückzugsbereich schaffen. Sie ist oben mit einem Tarnnetz versehen und seitlich mit Gummis abgehängt. Tiere, die sich unter das Tarnnetz zurückzogen, waren teilweise ruhiger. Unter dem Tarnnetz betrug die Lichtintensität ca. 30 Lux, im übrigen Stall circa 70 Lux. Der Aufbau und das Reinigen sind in diesem Fall sehr aufwendig. Wichtig ist, dass die Konstruktion nicht zu niedrig aufgehangen wird, da die Tiere sonst hinaufspringen.
Jalousien vor den Fenstern ermöglichen das Abdunkeln bei angehendem starken Pickgeschehen.
Pickverletzung an der Kloake
Wenn sich unkupierte Tiere picken, kommt es stets zu starken Verletzungen, leichte Verletzungen gibt es kaum. Mit ihrem spitzen Oberschnabel können die Tiere sehr stark selektieren und bei anderen Tieren ohne Probleme auch Sehnen freilegen.
Text:
Cordula Moebius

Cordula Moebius

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Bild: Erwin Linder

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