Geflügelpest-Impfung: US-Branche liegt im Clinch

01 März 2023
Krankheiten
Pute und Football

Nicht nur in Europa wütet die Geflügelpest. 2022 sorgten in den USA fast 60 Mio. verendete oder gekeulte Tiere für einen Schaden von geschätzt 4 bis 5 Mrd. Dollar. Die US-Branche streitet sich, ob eine Impfung Sinn macht.

Chicken Wings aus dem Fast-Food-Laden, der Truthahn zu Thanksgiving oder „Ham and eggs“ (Eier mit Speck) zum täglichen Frühstück – in den USA sind Geflügelprodukte quasi Grundnahrungsmittel. Entsprechend groß und florierend ist die dortige Branche. Doch auch in den USA sorgte die Geflügelpest (AI) im vergangenen Jahr für massivste Schäden. Betroffen war sowohl die Legehennenhaltung als auch die Geflügelmast, vor allem die Putenmast. Uneinig ist man sich in der US-Branche, ob eine Impfung in Zukunft Schutz gegen die bleibende Bedrohung Geflügelpest bieten soll. Die Eierbranche befürwortet eine Impfung, während die meisten Schlacht- und Verarbeitungsbetriebe von Geflügelfleisch sie ablehnen. Sie befürchten – wie auch hierzulande - die Beeinträchtigungen im Export.    

Prof. em. Dr. Hans-Wilhelm Windhorst, Universität Vechta, ist ein langjähriger und profunder Kenner der Geflügelbranche in den USA. Er hat das dortige Geflügelpestgeschehen vom vergangenen Jahr analysiert. Auch in den USA gab es 2022 erstmals das ganze Jahr über Geflügelpestausbrüche – wie in Europa. Auch in den USA geht man davon aus, dass das AI-Virus inzwischen endemisch geworden ist in heimischen Wildvögeln und diese die Nutzgeflügelbestände infizieren. Das würde die große Zahl der Fälle in den Sommermonaten 2022 erklären.

Verbreitung der hochpathogenen Vogelgrippe H5 und H5N1 in Nordamerika, 2021 /2022, (commercial Poultry = kommerzielles Geflügel; non- commercial Poultry, backyard Flocks = nicht kommerzielles Geflügel, Hinterhofherden; wild birds = Wildvögel, wild mammals = Wildsäugetiere)

Viele Legehennenfarmen mit über 1 Mio. Stallplätzen betroffen

Wie schon beim großen AI-Seuchenzug 2015 in den USA, waren auch 2022 wieder besonders Legehennen- und Putenfarmen betroffen. Von den 57,6 Mio. verendeten oder gekeulten Tieren waren 44,3 Mio. Legehennen und 9,7 Mio. Puten. Das sind zusammen 93,7 %. Dahinter standen 45 Ausbrüche auf Legehennenfarmen und 217 Ausbrüche in Putenfarmen. Trotz der deutlich geringeren Zahl an betroffenen Betrieben waren die Tierverlustzahlen bei den Legehennen weitaus höher. Während die Legehennenbetriebe nämlich im Schnitt 715.000 Stallplätze hatten, waren es bei den Puten nur 44.650. Von den betroffenen Legehennenfarmen hatten 21 mehr als 1 Mio. Stallplätze, zwei sogar über 5 Mio. 

USA: Tierverluste durch AI-Ausbrüche 2022

Geflügelart Verluste, in 1.000 Stück
Legehennen 44.316,5
Puten 9.690,2
Masthähnchen 2.390,1
Enten 3,7
Sonstige* 911,7
Gesamt 57.612,2

* überwiegend Federwild (game birds), Quelle: Berechnungen Prof. Dr. Windhorst 

 

Die enormen AI-Tierverluste hatten beträchtliche Auswirkungen auf die Eier- und Putenfleischerzeugung in den USA. Bei den Legehennen wurde laut den Berechnungen von Prof. Windhorst der Anfangsbestand 2022 von 306 Mio. Legehennen um 14,5 % reduziert (44,3 Mio.). In Folge kam es bei Eiern ab Dezember 2022 zu Versorgungsengpässen. 

Preissteigerungen um 300 % bei Eiern und Putenfleisch

Nach Angaben des „Egg Industry Center“ stiegen die durchschnittlichen Preise für Schaleneier der Handelsklasse L (large) von 1,32 $/Dutzend im Januar auf 3,88 $/Dutzend im November 2022, also das Dreifache.  

Der Verlust von 9,7 Mio. Mastputen führte ebenfalls zu einer deutlichen Erhöhung der Fleischpreise im Einzelhandel. Wegen der hohen Tierverluste sahen sich führende Verarbeitungsunternehmen im Mittelwesten gezwungen, ihre Produktion um 20 bis 30 % zurückzufahren. Der Preis pro kg Putenbrust stieg von durchschnittlich 4,40 $ im Jahr 2020 auf über 14 $ im vierten Quartal 2022. 

Im Gegensatz zu Deutschland sind die finanziellen Einbußen der Farmer bzw. Unternehmen durch AI gering. Die Verluste werden über staatliche Zahlungen kompensiert. Nicht vergütet werden in den USA allerdings finanzielle Verluste, die durch den Leerstand nach einem Aufstallungsverbot entstehen, sowie Verluste der Mischfutterwerke, Verarbeitungsbetriebe, Transportunternehmen oder auch Veterinärpraxen. Auch für die USA gilt, dass neben den Produktionsbetrieben die gesamt vor- und nachgelagerte Wirtschaft betroffen ist, aber ebenso die Verbraucher.

Das veränderte zeitlich und räumliche Muster der AI-Ausbrüche in 2022 und das Auftreten des Virus in heimischen Wildvögeln hat auch in den USA die Diskussion um eine vorbeugende Impfung der Geflügelbestände und eine Veränderung der Haltungsformen erneut aufflammen lassen. Dies gilt vor allem für die auch in den USA bislang vorherrschende Haltung von Puten in Offenställen. Darüber hinaus wird die Notwendigkeit gesehen, das Monitoring bei Zugvögeln und bei heimischen Wildvögeln zu verstärken. 

Uneinigkeit bezüglich der Geflügelpest-Impfung

Eine auch mittlerweile hierzulande diskutierte Möglichkeit, in Zukunft verheerende Seuchenzüge auszuschließen oder zumindest zu begrenzen, wäre eine präventive Impfung. Dies wird von den großen Eierproduzenten in den USA befürwortet. Allerdings wird eine Impfpflicht von den meisten dortigen Schlacht- und Verarbeitungsbetrieben für Geflügelfleisch weiter abgelehnt. Sie befürchten, dass dadurch ihre Exportmöglichkeiten stark eingeschränkt würden bzw. wichtige Märkte verloren gehen könnten. Ob es hier zu einem Kompromiss kommen wird, ist laut Prof. Windhorst derzeit noch völlig offen. 

Christa Diekmann-Lenartz
Bild: Adobe/Olesya

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Frank - vor 1 Jahr
Vor ein paar Monaten hieß es noch, dass wir nur eine kleine Chance haben und es wenig bis gar keinen Sinn macht, die Impfung gegen AI beim Geflügel durch zu führen. Das war und ist immer noch einleuchtend, da es wie bei Corona und oder Grippe eine breite Palette von verschiedenen Typen des Erregers gibt. Geimpft wird dann gegen was genau? Gegen einen Typ oder gegen eine ganze Palette der Erreger? Was soll das bringen, außer dass die Viren sich schneller verändern und sich anpassen? Wir sollten mit dem Thema Impfung nicht zu leichtfertig umgehen. Vielmehr sollten man bei Ausbruch besonnener reagieren und keine gesunden Bestände zur "Vorsicht" keulen. Panikmache zum jetzigen Zeitpunkt bringt uns alle nicht weiter. Aber wahrscheinlich ist die Produktion des Impfstoffes bereits in Vorbereitung.