Schutz vor Raubvögeln: Kenne den Feind!

24 Mai 2022
Legehenne

Viele Geflügelhalter mit Freilandhaltung beklagen immer wieder Verluste durch Raubvögel, ohne dabei den eigentlichen Verursacher zu kennen. Doch treffsichere Maßnahmen für den Schutz von Legehennen können erst dann ergriffen werden, wenn der Halter den wirklichen Fressfeind ausgemacht hat.

„War es mit Sicherheit der Habicht oder könnte es nicht auch der Uhu gewesen sein?“, fragt Michael Schanze, ausgebildeter Falkner und Betreiber einer Greifvogelauffangstation in Mecklenburg-Vorpmmern, provozierend in eine Gruppe von Geflügelhaltern. 

„Das wissen wir nicht so genau“, lautet die Antwort einer Legehennenhalterin aus der Runde. „Im ersten Jahr hatten wir keine Probleme mit der Freilandhaltung unserer Legehennen, aber im Jahr darauf verloren wir schon einige Tiere. Seither scheint das Problem mit den Greifvögeln gravierender zu werden“, so die Teilnehmerin des Seminars „Prädatoren verstehen und vorsorgen – Wie können sich Legehennenhalter schützen?“, zu welchem die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei in Mecklenburg-Vorpommern im Rahmen des Netzwerks Fokus Tierwohl eingeladen hatte.

Rotmilan, Habicht oder Uhu?

Die gerade beschriebene Situation ist für Falkner Michael Schanze nicht neu. Viele Geflügelhalter beklagen bei ihm immer wieder Verluste durch Raubvögel. Meist kennen sie jedoch den eigentlichen Verursacher nicht. Doch treffsichere Maßnahmen zum Schutz der Legehennen können erst dann ergriffen werden, wenn sich der Halter mit dem potenziellen Fressfeind auseinandergesetzt hat, weiß der Greifvogelexperte. 

Nach seiner Erfahrung verdächtigen Landwirte zu häufig den Rotmilan als Übeltäter, weil sie diesen oft bei ihren verendeten Legehennen vorfinden. Das sei jedoch eine Fehleinschätzung, weil der Rotmilan ein Aasfresser und damit zumeist nur der Nutznießer des vorangegangenen Angriffs eines anderen Greifvogels sei. Das Weibchen des Rotmilans könne zwar kranke und eingeschränkte Hühner schlagen, die von Habicht, Mäusebussard oder Uhu ausgehende Gefahr sei aber wesentlich höher. „Als Gefahrenquelle häufig unterschätzt wird der Uhu“, sagt Michael Schanze. „Doch weil er in der Lage ist, ein Huhn zu greifen und davonzutragen und weil dann keine Überreste zu finden sind, fallen Verluste durch den Uhu nicht so schnell auf. Zudem jagt er zwischen 16 und 11 Uhr und wird während seiner Jagd häufig nicht gesichtet.“ 

Bis heute gibt es keine verlässlichen Studien darüber, wie viel Prozent der Verluste in Freilandhaltungen tatsächlich auf Greifvögel zurückzuführen sind. Es ist aber von einer nicht unerheblichen Zahl auszugehen. Insbesondere der Habicht kann zu einem großen Problem für Legehennen werden. Er sitzt oft 2 bis 3 Stunden an derselben Stelle, bis er seine Beute angreift. Der Vogel nutzt seine Kralle als Waffe und kann damit eine Griffkraft von bis zu 450 Kilogramm erzeugen, der Uhu übrigens sogar bis zu 800 Kilogramm. Sperber oder Turmfalke hingegen kommen als Fressfeinde für die Legehennen eher nicht in Frage. 

Wann Greifvögel bevorzugt angreifen

Insbesondere während der Aufzucht der jungen Greifvögel – im Zeitraum zwischen Mitte April bis Ende Juni - ist mit vermehrten Angriffen durch die Greifvogel-Elterntiere zu rechnen. In dieser Zeit ist der Futterbedarf der Tiere besonders hoch. Die Jungvögel wollen schließlich versorgt sein. Findet man einen Horst vor, kann dieser bereits Auskunft darüber geben, mit welchem Fressfeind man es zu tun hat. Während der Habicht seinen Horst jedes Jahr neu begrünt, vermüllt ihn der Rotmilan. 

Ab September/Oktober eines jeden Jahres kommt es dann verstärkt zu Angriffen durch die Jungtiere, insbesondere durch junge Habichte. Diese Vögel sind schnelle Angreifer und nutzen Verstecke wie Bäume und Sträucher, um in Deckung zu gehen und ihre Opfer - die Legehennen - unerwartet zu attackieren. Junge Habichte werden nie kreisend über den Legehennen zu sehen sein. Auch der Mäusebussard wird nicht wirklich kreisen, sondern möglichst schnell angreifen. 

Den Tagesablauf variieren

Für Geflügelhalter gestaltet sich die Abwehr der Greifvögel immer schwierig. Zunächst können kleine Maßnahmen versucht werden:

  • Dazu zählt, die Hühner zu unterschiedlichen Zeiten am Tag in den Auslauf zu lassen. Häufig wird den Legehennen regelmäßig gegen 10 Uhr der Zugang zum Auslauf ermöglicht. Greifvögel gewöhnen sich an diesen Tagesablauf und wissen, wann sie die Beute greifen können. Ein Wechsel der Zeiten ist aber aus arbeitsorganisatorischen Gründen nicht immer möglich.
  • Auch die komplette Übernetzung des Auslaufs kann eine Abwehrmöglichkeit darstellen. Auf großen Flächen lässt sich dies jedoch nur schwierig umsetzen. Netze müssen regelmäßig auf offene Stellen überprüft werden. 
  • Die Nutzung von Attrappen anderer Greifvögel wie Uhu oder Steinadler kann ebenfalls eine zeitweilig abschreckende Wirkung haben. 
  • Und auch Perlhühner schrecken durch ihre Wachsamkeit und Lautstärke die Greifvögel ab. 
  • Das Problem der oben beschriebenen Maßnahmen ist aber, dass sich Greifvogel schnell an all diese Abwehrmechanismen gewöhnen und trotzdem angreifen. 

Den Schadensverursacher mit Kameras ausmachen

Was also tun? Weil der Fang eines Greifvogels nur mit der Genehmigung der obersten Jagdbehörde erfolgen kann, empfiehlt Falkner Schanze, rechtzeitig Kameras aufzustellen, mit denen nachvollzogen kann, wer tatsächlich der Schadverursacher ist. Zusätzlich müssen die Koordinaten des Auslaufs bekanntgegeben werden, damit der Behörde der Nachweis erbracht wird, dass es sich tatsächlich um den entsprechenden Betrieb handelt. 

  • Ist geklärt, wer der Schadverursacher auf einem Legehennenbetrieb ist, können zunächst Futterstellen für Greifvögel angelegt werden. Diese müssen sachgemäß betrieben werden, um einer Seuchengefahr zu entgehen. 
  • Bleibt das Problem hoher Verluste durch Prädatoren weiterhin bestehen, kann der Greifvogel durch einen Sachverständigen versetzt werden. 
  • Bei großen Betrieben kann es sich lohnen, mit einem Falkner zusammenzuarbeiten und eine andere Greifvogelart gezielt anzusiedeln. Dieser verteidigt sein Revier und verringert damit gegebenenfalls Angriffe anderer Greifvögel auf die Legehennen. 

Das Fangen, Vergiften oder Abschießen eines Greifvogels sollte der Geflügelhalter in keinem Fall in Betracht ziehen. Es ist strengstens verboten und hat strafrechtliche Konsequenzen. 

Das Seminar zeigte, dass es wichtig ist, den wirklichen Verursacher von Schäden in Legehennenbeständen in Freilandhaltungen zu kennen. Erst wenn dieses Wissen vorliegt, können effiziente Lösungen auf den Weg gebracht werden. Der Königsweg ist bisher noch nicht gefunden und es bedarf weiterer Forschung, um die Legehennen in Zukunft besser vor Angriffen von Prädatoren zu schützen, ohne dem Greifvogel dabei Schaden zuzufügen. 

 

Patricia Lößner
Bild: Geflügelnews

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