Die stabile Säule fördern

12 April 2022
Junghenne

Durchschnittlich 40 Prozent der Legehennen einer Herde haben am Ende der Legeperiode Brustbeinschäden. Dr. Stefanie Petow vom Friedrich-Löffler-Institut Celle und Dr. Lisa Jung von der Universität Kassel beschäftigen sich damit, wie Brustbeinschäden entstehen und was man dagegen tun kann. In einem Webseminar des Netzwerks Fokus Tierwohl stellten sie ihre Ergebnisse vor.

Die Brustmuskeln sind bei Hühnern am Brustbein verankert, so dass bei jeder Flügelbewegung mechanische Kräfte auf dieses wirken. Ist das Brustbein verletzt, reduzieren Hennen ihre Bewegung, um Schmerzen zu vermeiden. Das kann zu einer geringeren Futter- und Wasseraufnahme, verlegten Eiern oder zu einer sinkenden Legeleistung führen.

Es gibt verschiedene Formen von Brustbeinschäden, zwischen denen unterschieden wird:

  • Deformationen sind Abweichungen von der eigentlich geraden Mittelachse des Brustbeins. Mögliche Einflussfaktoren sind die Druckbelastung beim Sitzen auf der Stange oder die Tageslänge in Verbindung mit Vitamin D.
  • Traumatische Frakturen können das gesamte Brustbein betreffen und entstehen zum Beispiel, wenn Legehennen mit einer Sitzstange kollidieren. Der Heilungsprozess dauert oft vier bis sechs Wochen.
  • Nicht-traumatische Frakturen sind beispielsweise Belastungsbrüche. Sie treten hauptsächlich an der hinteren Brustbeinspitze auf und heilen verzögert oder gar nicht. Als Ursache wird diskutiert, dass durch den Legebeginn zwischen der 18. bis 22. Lebenswoche Kalzium für die Verknöcherung fehlt, die am hinteren Ende des Brustbeins erst in der 33. Lebenswoche erfolgt.

 

Weiße Genetiken weisen einer Untersuchung zufolge weniger Brüche des Brustbeins, aber mehr Deformationen auf.

Folgende Faktoren beeinflussen Petow und Jung zufolge nach derzeitigem Wissensstand die Entstehung von Brustbeinschäden:

1. Legeleistung

Eine Henne benötigt etwa 2,5 Gramm Kalzium, um ein Ei zu bilden. Diese Menge kann sie nicht allein über das Futter decken und mobilisiert daher zusätzlich Kalzium aus dem medullären Knochen. Dieser dient als Kalziumspeicher. Um ihn zu bilden, werden andere Bestandteile wie strukturelle Knochen umgebaut. Je mehr Eier eine Henne legt und je früher sie damit beginnt, desto mehr Knochensubstanz geht verloren, da die Henne den Speicher nicht wieder auffüllen kann. Die Knochenstabilität reduziert sich.

2. Genetik 

In einer Untersuchung hatte eine weiße Genetik (WLA-Hennen, eine Elterntierlinie der Lohmann Selected Leghorn) weniger Brüche, aber mehr Deformationen als eine braune Genetik (BLA-Hennen, Elterntierlinie der Lohmann Brown) mit mehr Brüchen und weniger Deformationen. Außerdem traten Brüche von Rasse zu Rasse unterschiedlich oft auf.

 

Bei vermehrten Brustbeinschäden empfehlen die Expertinnen, mit Futteranalysen sicherzustellen, dass das Futter ausreichend Nährstoffe enthält, und zusätzlich Kalk anzubieten.

3. Fütterung 

Verschiedene Futterzusätze wurden ohne erfolgversprechende Ergebnisse untersucht. Eine erhöhte Kalziumgabe hatte wegen der begrenzten Resorption im Dünndarm keinen Einfluss. Vitamin D ist wichtig bei der Mineralisierung des Knochens. Bei Untersuchungen mit vermehrter Vitamin-D-Gabe reicherte es sich aber hauptsächlich im Ei an, ohne die Knochenstabilität zu verbessern. Omega-3-Fettsäuren verbesserten zwar die Knochenelastizität, doch sank im Gegenzug die Eimasse. Untergewicht wurde ebenfalls als Risikofaktor identifiziert; allerdings bleibt es fraglich, ob die Tiere durch den Bruch Schmerzen hatten, deshalb weniger Futter aufnahmen und dann untergewichtig wurden oder ob Untergewicht sowie Nährstoffmangel den Bruch begünstigten.

4. Haltungssystem 

Bei traumatischen Frakturen ist das Haltungssystem von entscheidender Bedeutung: Sie entstehen, wenn Hennen von Sitzstangen stürzen oder mit diesen kollidieren. Wenn der Anflugwinkel in der Voliere nicht passt, fliegen sie teils gegen die Wand oder lassen sich davor fallen. 

Tipp: Wenn Hennen schon früh in der Aufzucht Zugang zu Sitzstangen haben, lernen sie, sich in der Voliere zu bewegen. Darüber hinaus sollten sie frühzeitig an die Gegenwart von Menschen gewöhnt werden, damit sie nicht in Panik geraten, wenn jemand den Stall betritt.

 

Mögliche Lösungsansätze der Vermeidungen von Brustbeinfrakturen sind Rampen, rutschfeste Sitzstangen, angepasste Dämmerungsphasen sowie breitere Gänge, um den Tieren einen besseren An- und Abflugwinkel zu ermöglichen.
Regine Revermann in Wochenblatt dlv
Bild: Geflügelnews

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