Krieg in der Ukraine: Wie lange reicht das Ökofutter?

09 März 2022
Futter

Die bedarfsgerechte Fütterung war schon immer eines der großen Themen im Ökolandbau. Vor allem die tiergerechte Rationsgestaltung für Legehennen aber auch für andere Monogastrier, wie den Schweinen, ist eine Kunst. Der völkerrechtswidrige Angriff auf die Ukraine hat die Situation weiter verschärft. So stammen zum Beispiel 80 Prozent der europäischen Bio-Sonnenblumen aus der Ukraine, wie das Futterunternehmen Gut Rosenkrantz in einem kürzlich veröffentlichen Appell feststellte. Fakt ist, dass Deutschland sowohl aus Russland als auch der Ukraine beispielsweise Mais, Raps- und Rübensamen, Roggen und Sonnenblumenkerne in großen Mengen importiert hat. Auch der Ökoverband Naturland geht deshalb davon aus, dass proteinhaltige ökologische Futterkomponenten wie Sonnenblumen und Sojabohnen in Deutschland und in der ganzen Europäischen Union (EU) knapp werden. Laut des Guts Rosenkrantz fehlen vor allem die so gennannten Protein-Hochkonzentrate aus der Ukraine wie Sojapresskuchen. Der Ersatz durch Mittelproteine wie Erbsen decke den Bedarf der Monogastrier nur unzureichend. Vor allem falle es schwer, damit den Bedarf an der essenziellen Aminosäure Methionin zu decken. Naturland hat deshalb mit Blick auf die neue EU-Öko-Verordnung, mit der ab diesem Jahr die 100 Prozent Bio-Fütterung vorgeschrieben ist, seinen Mitgliedsbetrieben schon im vergangenen Sommer geraten, sich frühzeitig einzudecken.

Diskussion um Biofütterung in Zeiten von Krieg vertretbar?

Für ökologisch wirtschaftende Nutztierhalter ist die Situation sicherlich ein Dilemma. Natürlich müssen auch Tiere bedarfsgerecht ernährt werden. Aber wie vertretbar ist eine Diskussion um Biofutter und notwenige Sonderregelungen zur Aufrechterhaltung eines Biostandards in Kriegszeiten? Zunächst gilt es, den flüchtenden Menschen zu helfen und dafür zu sorgen, dass nicht noch mehr Menschen hungern müssen – egal wie. So ähnlich sieht auch Dr. Hermann-Josef Baaken, Geschäftsführer des Deutschen Verbands Tiernahrung e. V. (DVT) die Diskussion um die Verfügbarkeit ökologischer und gentechnisch freier Eiweißfuttermittelkomponenten. Natürlich müsse man sich europaweit um die Ernährungssicherheit sorgen und alles daransetzen, dass keine generellen Versorgungsengpässe entstehen. Und sicher seien die Ökofuttermittelhersteller zuerst betroffen.

Baaken: Entwicklung der Futtermittelmärkte nicht vorhersehbar

Insgesamt sei derzeit nicht vorhersehbar, wie sich die Märkte in Zukunft entwickeln. „Ich beteilige mich nicht an Prognosen oder Spekulationen, wann und ob Rohkomponenten knapp werden“, sagt der Geschäftsführer. Es gäbe viele Unwägbarkeiten. Schaffen es die ukrainischen Landwirte zum Beispiel trotz Putins Krieg, auszusähen und zu ernten? Das könne jetzt noch niemand mit Sicherheit sagen. Welche Ersatzmöglichkeiten bestehen durch den weltweiten Handel? Bei den konventionellen Futtermittelkomponenten sei derzeit in Deutschland noch alles verfügbar. „Wir müssen abwarten, wie sich die Lage in der Ukraine entwickelt. Das kann sicher derzeit täglich ändern“, sagt Hermann-Josef Baaken und warnt nochmals vor Spekulationen. Die würden niemanden weiterhelfen. Die tierische Veredlung sei schon gebeutelt genug. Sein Credo: Ruhe bewahren.

Futtermittelmühlen spüren indirekte Auswirkungen des Kriegs

Was für deutsche Futtermittelhersteller bereits spürbar sei, seien die indirekten Folgen – zum Beispiel aufgrund gesperrter ukrainischer Häfen. Schon jetzt gäbe es Engpässe vor allem bei Futtermühlen in den südeuropäischen Ländern, die direkte Lieferbeziehungen mit der Ukraine haben. Einige Futtermühlen in Italien sind laut Baaken bereits geschlossen. Andere bedienen sich nun natürlich woanders am Markt. „Aber Getreide kann nur einmal verkauft werden, dementsprechend steigen die Preise.“ Hermann-Josef Baaken denkt, dass hier jedes Futtermittelunternehmen für sich seine Kontrakte überprüfen und regeln muss. „Wir haben nun mal einen freien Markt. Da geben wir als Wirtschaftsverband keine Empfehlungen an unsere Mitglieder.“

Futtermittelknappheit muss auf EU-Ebene bekämpft werden

Bedenklich findet er hingegen die Verfügung von Ungarn, Ware mit verschiedenen Hauptgetreidearten (unter anderem Weizen und Mais) nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung zu exportieren. Das greift in einen Grundpfeiler der EU, nämlich der Warenverkehrsfreiheit, ein. Genau deshalb machen laut Baaken nur Maßnahmen Sinn, die über die EU gehen, schließlich habe man einen gemeinsamen Markt. So richten sich auch die Forderungen des DVT direkt an die EU. Zum Beispiel müssten Schiffe, die jetzt noch unterwegs seien, unbürokratisch entladen werden können. Außerdem müsse die EU die Priorisierung kurzfristig ändern und weitere Anbauflächen zur Verfügung stellen. Baaken begrüßt die Überlegungen der EU, die Stilllegungsvorschriften auszusetzen und so 10 bis 15 Prozent mehr Anbaufläche zu schaffen. Auch der Ökoverband Naturland fordert die EU auf, jetzt zu handeln. Sie müsse die Richtlinien für die Fütterung anpassen. Kurzfristig würden befristete Ausnahmegenehmigungen für konventionelle, gentechnikfreie Futterkomponenten helfen. Langfristig muss die Einführung neuer Proteinquellen wie Bakterieneiweiß vorangetrieben werden. Außerdem fordert Naturland, dass sofort eine befristete Ausnahmegenehmigung für gentechnikfreien konventionellen Maiskleber und Kartoffeleiweiß kommen müsse. Kartoffeleiweiß muss jetzt kommen. Darüber hinaus sollte, je nachdem wie sich die Lage in dem Krisengebiet weiterentwickelt, gegebenenfalls auch über eine befristete Freigabe anderer gentechnikfreier konventioneller Ölkuchen wie Soja oder Raps nachgedacht werden.

Der Krieg fordert praktische Lösungen zur Ernährungssicherheit

In Richtung der deutschen Agrarpolitik adressiert Hermann-Josef Baaken klare Worte. Man könne dort nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Bei allem Respekt vor dem, was Cem Özdemir gesagt habe. „Ich sehe auch keinen Widerspruch darin, auf der einen Seite brachliegende Flächen zumindest im Rahmen einer Sonderregelung für den Ackerbau verfügbar zu machen und auf der anderen Seite den Klimaschutz voranzutreiben.“ Außerdem müsse man in der derzeitigen Lage darüber nachdenken, ob man auf den vorhandenen Ackerflächen Pflanzen für alternative Energiegewinnung oder für die Ernährungssicherheit erzeugt. Auch wenn Hermann-Josef Baaken für eine Wirtschaft spricht, die Herausforderungen gerne selbst und ohne staatliche Hilfe löst, so müsse der Staat doch die Eckpfeiler so setzen, dass auf die praxisnahen Lösungen aus der Wirtschaft zurückgegriffen werden kann. Sie Politik solle offen sein gegenüber Lösungen aus der Wirtschaft. „Es ist nicht die Zeit zum Politisieren. Die große Politik muss jetzt zugunsten praktischer Lösungen mal zurücktreten.“ Ähnlich sieht es Naturland und fordert darüber hinaus, dass kurzfristig die Zulassung von Insektenmehlen als Futtermittel beschleunigt wird. Hier bestehe ganz konkret Forschungsbedarf bei Mehlwürmern. Einen großen Forschungsbedarf sieht Naturland auch bei der schon erwähnten Entwicklung von Bakterieneiweiß mit höheren Gehalten an freien Aminosäuren.

 

 

agrarheute / Martina Hungerkamp
Bild: Geflügelnews

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